Moderne, Stuck und falsche Begriffe

von Thomas Fiebig

Ein glücklicher Zustand stellt sich ein, wenn der Fuß längere Zeit außerhalb der Bettdecke verweilt und, sobald sich eine unangenehme Kälte einstellt, wieder unter die wärmende Decke gezogen wird. So ähnlich geht es den meisten Menschen, wenn sie sich durch endlose architektonische Jetztzeittristesse bewegen und anschließend in einem gut restaurierten, gepflegten Gründerzeitviertel wiederfinden. Der Kontrast lässt die Qualität beider Zustände erkennen. Dort die langweiligen Einheitskisten, hier die Vielgestaltigkeit architektonischer Details, Proportionen und Dekorelemente. Die Richtigkeit dieser Empfindung muss man nicht beweisen noch rechtfertigen. Empfindung schlägt Intellekt.

Die weitgehende Übereinstimmung in der Ablehnung moderner Architektur ist allgemeine Überzeugung. Reizarmut, sterile Materialien, serielle Monotonie und aufgeblasene Klotzigkeit vermitteln sich unmittelbar. Ein diffuses Missbehagen in einer solchen Umgebung eint die Kritiker. Beim entspannten Kaffee ist man sich auch über ideologische Gräben weitestgehend einig. Darüber hinaus liefern tiefer liegende sentimentale und nostalgische Aspekte ein emotionales Fundament, das unreflektiert Zustimmung erzeugt.

Nach dem Verlassen der Kaffeetafel und dem Einstieg in kulturtheoretische Debatten ist dieser Friede jedoch schnell vorbei. Das liegt vor allem daran, dass nun die „Experten“ das Spielfeld betreten und mit ihren jeweiligen Konstruktionen die Szenerie unübersichtlich gestalten. Wie sollte es auch anders sein. Auf die Expertise des „gesunden Volksempfindens“ hinsichtlich ästhetischer Kriterien sollte man sich jedenfalls nur dann verlassen, wenn man die Scheußlichkeiten kreativer Entfaltung in Einfamilienhaussiedlungen und deren Vorgärten zum Vorbild nehmen möchte. Zu den üblichen Profis aus Architekturkritik, Kulturgeschichte und Stadtplanung gesellen sich Journalisten, Politiker und Ideologen.

Die Aufstellung dieser Diskutanten im medialen Hauptstrom staatlicher Interessensvermittlung ist dabei exakt dieselbe wie sonst auch. Linke Apologeten des sogenannten Fortschritts bestimmen den Diskurs. Erwartungsgemäß wird der Status quo schöngelogen und als unabänderlich dargestellt. Es wird vor konservativer Kulissenarchitektur gewarnt, die sich anschicke, als trojanisches Pferd reaktionären Ungeist auf den Marktplätzen zu installieren. Die mickrigen Rekonstruktionsvorhaben der letzten Jahre reichen bereits aus, um Reflexe im Sinne von „Nie wieder ist jetzt“ auch in diesem Segment zur Blüte zu bringen.

Fernab dieses bröckelnden Meinungsapparats macht sich jedoch ein zunehmender Diskurs bemerkbar, der die allgemeine Verschiebung im Rechts-links-Gefüge auch in Fragen der Architektur und Ästhetik sichtbar macht. Der Raumgewinn konservativer und rechter Einstellungen hat dabei weniger mit der mangelnden Überzeugungskraft linker Theoriekonzepte zu tun, sondern speist sich in erster Linie aus der Unzufriedenheit mit dem real existierenden Erscheinungsbild unserer Umgebung. Die Erklärungsmuster ergeben sich aus dem jeweiligen Weltbild und erschöpfen sich in lagertypischen Zustandsbeschreibungen. Das Sujet wird zum Material, um die üblichen Kulturkampfrituale durchzuspielen, ohne praktische Lösungen aufzuzeigen. Im Grunde handelt es sich um eine Negativdiskussion, ohne wirklich zu beantworten, wie Bürogebäude, Wohnanlagen oder Einkaufszentren heute aus einem anderen Geist heraus gestaltet werden könnten.

Der zentrale Begriff dieser Auseinandersetzung ist die sogenannte „Moderne“. Was der einen Seite Fortschritt und die Verheißung eines Utopia verspricht, bedeutet der anderen die wüste Zerstörung alles Gewachsenen und Gewohnten. In ihrer radikalen Form negiert sie das Bemühen, ein Leben im Vertrauten, Sicheren und Gemeinschaftlichen zu führen. So gesehen besteht das Wesen der Moderne – aus Sicht ihrer Kritiker – im Selbstzweck permanenter Erneuerung ohne jeglichen Sinn. Die laufend neuen Produkte, Updates und „Features“ sind dafür Erfahrung und Beobachtung zugleich.

Als Gegenbegriff formuliert der Konservative den Leitbegriff der Tradition. In der eingangs beschriebenen Gründerzeitidylle glaubt er diese beispielhaft in Stein verbaut zu sehen. Er labt sich an abgezogenen Dielen, erfreut sich am weiß getünchten Stuck – wie die Linken auch – und meint, einen Anker der Tradition zu bewohnen. Abgesehen davon, dass die Dielen ursprünglich in der Regel mit einer giftigen Mischung aus Nitro und Wachs („Ochsenblut“) lackiert und der Stuck farbig war, hat diese Architekturform allerdings wenig mit der zuvor üblichen Wohnbebauung, also mit Tradition, zu tun.

Die Kleinteiligkeit historischer deutscher Städte wich ab Mitte des 19. Jahrhunderts der Bebauung mit Massenunterkünften. Die Moderne als kultureller Epochenbegriff – im Zuge der Industrialisierung und der Versorgung einer Massengesellschaft – nahm hier ihren Anfang. Selbst der überbordende Eklektizismus historischer Versatzstücke hat wenig mit Kontinuität von Baustilen zu tun, sondern entspringt vielmehr einem schlichten, ahistorischen Retrobedürfnis in einer sich radikal wandelnden Welt.

Die Massenblockbebauung des ausgehenden 19. Jahrhunderts ist in diesem Sinne keine Tradition, sondern Teil der Moderne, der ganze mittelalterliche Stadtteile zum Opfer fielen. Wer die Wahnidee von Le Corbusier, die gesamte Innenstadt von Paris für sechs gigantische Hochhäuser zu opfern, zurecht als Gipfel moderner Barbarei brandmarkt, sollte sich bewusst machen, dass für das Paris von heute mit seiner stereotypen Haussmann-Architektur drei Viertel der mittelalterlichen Stadt zerstört wurden. Strukturell gibt es keinen wesentlichen Unterschied zwischen der Blockbebauung des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit ihren schäbigen Hinterhöfen und den Plattenbauten der Nachkriegszeit. In beiden Fällen geht es um die Befriedigung der Wohnbedürfnisse der Masse Mensch. Die Moderne ist letztlich der gestalterische Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse in Industrie- und Massengesellschaft. Wer deren Erscheinungsbild ändern will, müsste diesen Kern infrage stellen.

Der Vorwurf an die Moderne besteht darin, dass sie in ihrem Wesen alles der Funktion unterordnet. Diesem Denken liegt allerdings eine schlichte Vorstellung von Funktionalität zugrunde und verwechselt Funktion mit Rentabilität.

Selbstverständlich geht die Formgestaltung der Moderne von der Funktion aus – wie auch sonst. Der Leitspruch „form follows function“ ist keine Erfindung einer bestimmten Epoche. Ein Speer, ein Beil oder eine Hacke wurden ebenfalls so konstruiert, dass sie optimal funktionieren. Die Moderne ist lediglich die Anpassung an veränderte Produkte – nämlich jene der industriellen Massenproduktion. Ein Auto, das wie eine Kutsche ohne Pferde durch die Landschaft fährt, ergibt keinen Sinn. Das Maschinengestell mit Löwentatzen wirkt irgendwann lächerlich.

Die Ansicht, das Funktionale müsse zwangsläufig in minimalistischer Tristesse enden, verkennt jedoch, dass Funktion an Ziele sowie an Einstellungen und Werte gekoppelt ist. Drei Meter Deckenhöhe, großzügige Räume oder ein repräsentativer Eingangsbereich erfüllen ebenfalls Funktionen. Selbst Stuck hat eine Funktion. Die Frage lautet nicht, ob etwas funktional ist, sondern welcher Funktion es dient und welche Bedürfnisse es unterstützt.

Wer längere Zeit in einem Fachwerkhaus mit 1,90 Meter Deckenhöhe und anschließend in einem großzügigen Loft mit 3,50 Meter lichter Höhe gelebt hat, wird den funktionalen Unterschied von Raumdimensionen unmittelbar verstehen und spüren, wenn man sich aufrichtet. Wer meint, es mache funktional keinen Unterschied, ob billiges Laminat oder massives Stabparkett verbaut wird, hat nicht begriffen, dass Material, Qualität und Haptik ästhetische Funktionen besitzen und sich nachweisbar auf Psyche, Wohlbefinden und Lebensqualität auswirken. Darüber hinaus ist auch Langlebigkeit funktional.

Der Fehler besteht darin, Funktionalität mit Wirtschaftlichkeit und Effizienz im Sinne von Profitmaximierung gleichzusetzen. Die sozialistischen Plattenbauten sind Produkte minimalen Materialeinsatzes bei maximaler Raumausbeute. Ob diese Gebiete als lebenswerte Räume funktionieren, ist zweitrangig. Dasselbe gilt für zeitgenössische Gewerbebauten, Einkaufshöllen und Bürokomplexe. Gerade bei diesen Architekturformen, die in ihrer ästhetischen Belanglosigkeit und Überdimensionierung den Gipfel des Unwirtlichen darstellen, wird die Dominanz der Ökonomie sichtbar. Wo rechte Denker „linke Räume“ erkennen wollen, geht es in Wahrheit meist schlicht um Effizienz und Kommerz.

Diese beiden Kriterien bestimmen unsere Umgebung heute in nahezu jedem Bereich. Die gegenwärtige Umwelt ist das Produkt einer Gesellschaft, deren oberste Maxime das Billige ist. Die historischen Versatzstücke, die der Gründerzeit noch angepappt wurden, ergeben innerhalb einer materialistischen Funktionslogik gepaart mit kommerzieller Effizienz keinen Sinn mehr. Der Investor beauftragt keinen marxistischen Architekten, der uns die kalte Moderne überstülpen möchte. Er kalkuliert, wie viele Büroeinheiten benötigt werden, und der Dienstleister entwirft das übliche Raster, was sich dann in der monotonen Fassade niederschlägt. Dafür werden Baustoffe gewählt, die möglichst kostengünstig sind und zugleich den bürokratischen Anforderungen des sogenannten Klimaschutzes genügen. Wer es gut meint, hängt noch eine Backsteinattrappe davor, was am Gesamtbild wenig ändert.

Rentabel mussten Zweckgebäude ehemals auch sein – nur war das Bewusstsein für Schönheit und Stil ein anderes. Während die Gesellschaft vor 150 Jahren Wert auf ästhetische Form legte, was sich in Kleidung, Umgangsformen und Repräsentation widerspiegelte, ist dieser Anspruch heute in der Breite weitgehend verschwunden. Salopp formuliert: Die Leute sehen aus wie die Häuser, in denen sie leben. Wer in einer Gesellschaft, geprägt von Massenkultur und kultureller Verflachung, eine ästhetische Architekturwende verspricht, baut auf schlechtem Fundament.

Die Diskussion müsste sich daher stärker um den geistigen Zustand einer Gesellschaft drehen und darum, wie sich dieser verändern ließe. Erst dann wären andere Resultate zu erwarten. Das Hantieren mit Begriffsschablonen wie „Moderne“ und „Tradition“ bringt uns praktisch nicht weiter. Tatsächlich geht es um Qualität versus billig, Großzügigkeit versus Rentabilität, Kleinteiligkeit versus Monotonie.

Die ästhetischen Leitbilder vergangener Architektur entstanden aus einem Überschuss aristokratischer Geltung und Lebenskunst. Stil muss man sich leisten können und wollen. In einem System des Mittelmaßes und der kulturellen Orientierung am Bodensatz wird es dieses notwendige Zuviel nicht geben. Zugespitzt ließe sich sagen: Die Aristokratie gab vor, das Bürgertum kopierte und der Pöbel ruinierte.

Die Demokratie hat bislang keine ästhetischen Perlen hervorgebracht. Das heißt nicht, dass heute keine erstklassige Architektur gebaut würde. Diese entsteht jedoch fast immer von und für Eliten – nicht vom Volk für das Volk. Wenn populistische Politik meint, den Geist der Masse spiegeln zu müssen, ist kaum mehr als Geschmacklosigkeit zu erwarten.

Für Hans Kollhoff beginnt Architektur dort, wo das rein Zweckmäßige überschritten wird. Es wäre im heutigen Sinne das Überflüssige, das Unrentable. Wenn es nicht gelingt, diesen aristokratischen Ansatz neu und zeitgemäß zu formulieren, wird am Ende alles aussehen wie Sozialdemokratie.

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